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LVZ berichtet: Mädler-Villa gibt ihre Geheimnisse preis
Artikel aus der LVZ vom 8. Mai 2012, Seite 17

Rettung in letzter Minute: Forscher aus der Runden Ecke entdecken bei Abriss Reste eines Sowjet- und Stasi-Gefängnisses

Der Hinweis war gut – und verblüffte den Leiter der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke. „Kommen Sie zur Mädler-Villa, dort werden gerade die alten Stasi-Gebäude abgerissen“, so ein Anrufer. Der Tipp-Geber hatte in der LVZ Berichte von Zeitzeugen gelesen, nach denen auf dem Gelände der Villa auch die Gestapo und der sowjetische Geheimdienst NKWD Menschen inhaftiert haben sollen.

LEIPZIGER FACETTEN

Tobias Hollitzer radelte selber vor Ort und war perplex. Denn die alten Gefängniszellen sollten eigentlich schon kurz nach der Wende vom damaligen stadteigenen Betrieb für Beschäftigungsförderung abgebrochen worden sein. Doch bei einem Rundgang durch den später von der Stasi über dem Zellenbau errichteten Büro-Komplex zeigte sich, dass die Zellen, im rechten Winkel L-förmig angeordnet, immer noch vorhanden waren. Allerdings hatten sie in der Zwischenzeit einen neuen Farbanstrich erhalten; die Zellentüren waren ausgewechselt und auch die Fußböden im Flur mit Baumarkt-Fliesen aufgehübscht worden – nur die kleinen Fenster zum einstigen Gefängnishof waren noch immer massiv vergittert. Um dieses wichtige Zeugnis aus der Frühzeit der kommunistischen Diktatur in Leipzig wenigstens noch zu dokumentieren, beauftragte die „Runde Ecke“ Bauarchäologen mit einer bauhistorischen Untersuchung. Die Abbruchfirma Caruso unterstützte die Untersuchungen.

Als der Putz genauer untersucht wurde, kamen in den ehemaligen Zellen noch weitere Spuren aus der Gefängniszeit zum Vorschein. So wurden zahlreiche Befestigungspunkte entdeckt, an denen einst Hocker, Tisch und Bett angebracht waren, die die Gefangenen an den Wänden hochklappen mussten. Denn die insgesamt 28 Zellen waren klein, jede nur etwa zwei mal vier Meter groß. „Wo die beiden Gefängnisflure zusammenliefen, befand sich vermutlich ein Raum für das Wachpersonal“, erzählt Hollitzer. „Von dort aus hatten sie alle Gefängnistüren und den Gefängnishof im Blick.“

Es gibt für die Zeit bis 1952 zwei Zeitzeugen, die berichten, dass sie hier vom sowjetischen Geheimdienst NKWD inhaftiert wurden. Es gibt keine Belege für eine Gestapo-Außenstelle.

Der Freiganghof, zu dem alle Zellenfenster ausgerichtet waren, war von einer rund drei Meter hohen Mauer von der benachbarten Mädler-Villa abgegrenzt worden.

Um ganz sicher zu gehen, dass es sich tatsächlich um das gesuchte Gefängnis handelt, ließen die Experten des Bürgerkomitees in den Gefängnisfluren die Fliesen anheben – und legten so den ursprünglichen Fußbodenaufbau frei: Zum Vorschein kamen viele kleine rotbraune und gelbe Fliesen in einem DDR-Design, das noch bis weit in die 60er- Jahre produziert wurde. In den Wänden der Gefängnisflure legten die Forscher die altenRohrverbindungen der Heizkörper und WC‘s sowie Dosen von Lichtschaltern in überraschendem Umgang frei. „Jede Zelle besaß eine Signalklappe, mit der die Insassen das Wachpersonal rufen konnten“, so Hollitzer. Schließlich bewegten die Experten auch einen Augenzeugen dazu, sich die Räume noch einmal von innen anzuschauen – auch er bestätigte: Das ist das Gefängnis, indem er Anfang der 50er-Jahre vom sowjetischen Geheimdienst eingesperrt wurde.

In der historischen Bauakte der Mädler-Villa wurde entdeckt, dass der Zellentrakt erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Dort ist ein Bauantrag aus dem Jahr 1950 enthalten, nach dem für die Volkspolizei Leipzig eine Außenstelle Leutzsch entstand. Die Forscher glauben, dass der Hinweis auf die Volkspolizei nur zur Tarnung verwandt wurde. „Es gibt für die Zeit bis 1952 zwei Zeitzeugen, die berichten, dass sie hier vom sowjetischen Geheimdienst NKWD inhaftiert wurden“, so Hollitzer. „Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR bekam erst ab 1952 eigene Untersuchungshaftanstalten auf Bezirksebene.“

Keine Anhaltspunkte wurden hingegen für die Nutzung der Mädler-Villa als Gefängnis für die geheime Staatspolizei (Gestapo) der Nationalsozialisten gefunden. „Es gibt bisher keine Belege dafür, dass die Gestapo hier eine Außenstelle betrieben hat“, sagt Hollitzer. „Aus der Bauakte geht hervor, dass 1937 ein Antrag zur Errichtung einer Baracke für den Reichsarbeitsdienst gestellt wurde. Und laut Adressbuch war der Reichsarbeitsdienst hier mindestens bis 1942/43 aktiv.“ Als Beleg für die Gestapo-Aktivitäten sei ein Foto angeführt worden, das Menschen in NS-Uniformen auf der Freitreppe der Villa zeige. „Aber damals trugen auch die Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes Uniformen.“ Und der jetzt vorgefundene Zellenbau stamme eindeutig aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Gefängnis wurde allerdings nicht nur vom sowjetischen Geheimdienst genutzt. So wie das Gefängnis in der Beethovenstraße (jetzt Straße des 17. Juni 1953) gelangte auch der Zellentrakt auf dem Gelände der Mädler-Villa 1952/53 in die Zuständigkeit der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig. Als sicher gilt, dass die Stasi dort Ende 1953 Leipziger inhaftiert hat. „Anfang November gab es in Leipzig zwei große Verhaftungsaktionen“, sagt Hollitzer. Da die MfS-Untersuchungshaftanstalt überfüllt gewesen war, sei „ein Teil der alten Häftlinge“ auf das Gelände der Mädler-Villa gebracht worden. Erst 1960 wurde der Mädler-Standort nicht mehr als Gefängnis genutzt.

Wir konnten buchstäblich in letzter Minute wichtige Einblicke in ein bauliches Zeugnis der DDR-Geschichte erhalten, zum dem andere Quellen kaum Aufschluss liefern.

Damals siedelten sich dort unter anderem die Abteilung VIII – Observation, Ermittlung, Festnahme – an, die in der Villa ein operatives Leitzentrum mit Funkanlage betrieb. Außerdem brachte die Stasi dort ihre „Rückwärtigen Dienste“ mit dem Bauhof, der Bauverwaltung und einer KFZ-Abteilung unter, ebenso die Überwacher des Transitverkehrs und einen Teil des Archivs.
Der Gefängnisflachbau wurde Anfang der 1970er-Jahre mit dem jetzt abgerissenen dreistöckigen Bürogebäude überbaut, die Zellen selbst als „KFZ-Lager“ genutzt. „Wir konnten buchstäblich in letzter Minute wichtige Einblicke in ein bauliches Zeugnis der DDR-Geschichte erhalten, zu dem Berichte von Insassen oder andere Quellen kaum Aufschluss liefern“, sagt Hollitzer.

Andreas Tappert für die LVZ


Die Forscher aus der „Runden Ecke“ hoffen, noch mehr über die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herauszufinden – auch zu anderen Geheimdienstobjekten in Leipzig. Benötigt werden Hinweise für Recherchen, Berichte über Schicksale und Fotos von Inhaftierten, heißt es. Insbesondere interessieren derzeit Namen von Menschen, die in Leutzsch zwischen 1950 und 1960 inhaftiert waren. Hinweise sind unter Telefon 0341 9612443 oder per Mail unter mail@runde-ecke-leipzig.de möglich.

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Nachricht vom 09.05.2012. Autor: Susan Herling, MA Öffentlichkeitsarbeit BVL
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