Blickpunkt Leutzsch - Impressionen

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Herr Hänisch in der Diskussion mit Teilnehmerinnen
Vom Reiz ganz alltäglicher Lebensgeschichten - Lesung über Frauenschicksale im Stadtteilladen
Und wieder ist der Stadtteilladen mehr als gut gefüllt, voller geht`s nimmer.

Eine Woche vor Beginn der Buchmesse und kurz vorm Frauentag hat der BürgerVerein Leutzsch e.V. zusammen mit Herrn Gottfried Hänisch, Herausgeber des Buches „Als die Schatten länger wurden“, zu einer Lesung eingeladen.

Das Publikum – fast ausschließlich Frauen verschiedener Altersgruppen – unterscheidet sich kaum von den Frauen, die ihre Lebensberichte vortragen wollen. Keine von den vier Endsechzigerinnen begreift sich als Schriftstellerin. Herr Hänisch hat sie ermutigt, entscheidende Situationen ihres Lebens zu beschreiben. Es geht nicht um die große Dramatik, nicht um Mauerschüsse und Stasiverwicklungen, sondern um ganz normal gelebtes Leben, das jede der anwesenden Frauen in ähnlicher Weise nachvollziehen kann.

Zunächst berichtet Frau Dr. Ursel Hergenhan, Kinderärztin, über die schwere Zeit der Flucht aus Ostpreußen, die Ankunft in einem mecklenburgischen Dorf. Der schweren Arbeit als Haushaltshilfe entkommt sie durch eine Ausbildung an der ABF (Arbeiter- und-Bauern-Fakultät) und das Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Manches empfindet sie zwar als unangenehm, denn wer möchte schon in die DSF (Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft) eintreten, wenn er die „Russen“ auf der Flucht nicht als Freunde kennen gelernt hat? Sie arbeitet gern und erfolgreich als Kinderärztin, hat Familie, bis sie nach der Wende arbeitslos wird und von einem Immobilienmakler übers Ohr gehauen wird. Sie fordert mehr Gerechtigkeit vom Rechtsstaat, dafür kämpft sie jetzt.

Frau Ingrid Franke spricht über die „Zeitbombe“, die vielleicht auch in ihr tickt und setzt sich intensiv mit ihrer eigenen Krebserkrankung auseinander. Gleichsam beobachtet sie, wie die MitpatientInnen in einer Reha-Klinik ganz unterschiedlich mit diesem Schicksal umgehen. Sie selbst hat Kraft aus dieser schweren Situation geschöpft.

Frau Ingrid Lasa hat in ihrem Leben, angefangen vom frühen Tod der Mutter, sich oft mit dem Sterben und damit verbundenen Ängsten auseinandersetzen müssen. Die beste Freundin starb nach der Geburt ihres ersten Kindes, bald verlor sie auch ihren Ehemann durch Unfalltod. Aus all diesen Lebensstationen ist sie gestärkt hervorgegangen.

Als letzte beschreibt Frau Inge Haupt ein Leben, wie es viele hatten: als Kind Bombennächte, dann Lehre als Laborantin, Heirat, drei Kinder, Halbtagsbeschäftigung, alles in Ordnung bis zur Wende. Der Betrieb wird abgewickelt, sie muss mit 55 Jahren gehen. Allerdings materiell gut abgesichert. Der Ehemann verlässt sie, sie fällt in ein tiefes Loch.
Aber sie arbeitet sich wieder hoch, wird Leiterin einer Seniorentanzgruppe. Schließlich begegnet sie nach einem Konzert sogar noch einer neuen Liebe und fühlt sich glücklich und geborgen.

In der anschließenden lebhaften Diskussion wird der Mut der Erzählerinnen gewürdigt, ihre Ehrlichkeit, ihre Authentizität. Solche Kurzbiografien bringen dem Zuhörer oder Leser viel mehr als dicke Wälzer, die von irgendwelchen Promis geschrieben werden, meint Herr Hänisch. Diese Lebensgeschichten spiegeln Geschichte genauer wider als aufwendige TV-Produktionen wie „Die Flucht“ oder „Dresden“.

Das Buch kann zum Preis von 16.- Euro in der Leutzscher Buchhandlung oder auch in anderen Buchläden erworben werden.


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Redaktion:
Bürgerverein Leutzsch BV Leutzsch