Blickpunkt Leutzsch - Impressionen

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Ein bisschen Glamour im Stadtteilladen - Friederike Raschke liest aus ihrer Gedichtsammlung
Im dritten Anlauf hat es nun endlich geklappt: Friederike Raschke, die einstmals die Theaterbühnen Leipzigs beherrschte, feiert ihr Comeback.

Bereits zwei Stunden vor Beginn der Lesung ist sie in festlicher Robe erschienen, erzählt mit großer Geste, was sie vor hat und überprüft die Vorbereitungen. Als dann endlich die ersten Gäste eintreffen, wird jeder persönlich begrüßt und zum Platz geleitet. Lampenfieber gehört nun mal dazu, meint die Diva.

Um 15 Uhr ist der Saal proppevoll. Ein bunt gemischtes Publikum, wie wir es so noch nie hatten: einige Schauspielkollegen von ganz früher, Familie, Nachbarn, Herrn Brandners Lesefreunde und vor allem ehemalige Psychiatriepatienten. Alle sind gespannt, wie die einst psychisch schwer kranke Künstlerin auf die Bühne zurückkehrt.

„Fällst du tot um, damit die Leute über dich reden oder gehst du selber unter die Leute um zu zeigen, dass du wieder da bist, nach all den Krisen, völlig neu?“ Vor dieser Frage habe sie gestanden, meint Friederike Raschke, und sie entschied sich für letzteres.

Dann fängt sie an, ihre Gedichte vorzulesen, über Menschen in der Stadt, Herbstanfang, Liebe, Kampf gegen Rauchen und Alkohol, Weiberklatsch und Möwen auf Hiddensee. Schränke voller Gedichte habe sie, erzählt Frau Raschke. Beim Bügeln, Kochen und sonstigen Tätigkeiten, stets liege der Schreibblock daneben. Im Laufe der Veranstaltung wird sie immer lebhafter, berichtet über ihre Erfahrungen in der Psychiatrie und den Kampf mit der Krankheit. „Wir sind noch da“, postuliert sie, „wir sind im Brechtschen Sinne die neuen Alten. Wir müssen unsere Erfahrungen an die jüngere Generation weitergeben.“ Diese stehe zu stark unter dem Einfluss von Neofaschismus und Berieselung durch die Massenmedien.

Ihr „Ich bin wieder da“ unterstreicht die Künstlerin nun mit Aufrufen an „alle, die noch leben“. Wie nach dem 2.Weltkrieg müsse man die Gräben durch Kunst und Kultur überwinden.

Es gibt viel Zustimmung, Blumen werden überreicht. Nun kommt noch ein „Friedenslied“ und Erinnerung an aktuelle Feiertage. Grade war Reformationstag, bald ist Tag der Oktoberrevolution.“ ICH habe nur Worte, Luther und Lenin hatten auch nur Worte.“ Das Gedicht „Alternative Revolution“ soll zu bedenken geben, dass auch die kleinen Dinge im Alltag die Welt vorwärtsbewegen. Es braucht nicht gleich die große Revolution zu sein.

Nun ja, es war beste Unterhaltung. Lyrik im engeren Sinne war es nicht, sollte es wohl auch nicht sein. Die Leute, Mitpatienten wie ältere Kollegen freuten sich, Zeuge des Auferstehens aus einer schweren Krise geworden zu sein.

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Redaktion:
Bürgerverein Leutzsch BV Leutzsch