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Alle sind gespannt auf die Weggeh-Geschichten
Wenn der Morgen einen neuen Tag verspricht - Vortrag von fünf Biografien im Stadtteilladen
Herr Hänisch, Herausgeber der „Weggeh- und Bleibegeschichten“ moderiert die Veranstaltung.

Die Idee zu dem vor fünf Jahren erschienenen Buch kam anlässlich eines Beisammenseins von aus der DDR Weggegangenen in Köln bei einem Glas Rotwein. Man müsse doch einmal festhalten, wie das damals so alles gewesen sei. Nicht jeder sei bereit gewesen, seine Biografie zu erzählen, meint Herr Hänisch, achtzehn Autoren kamen schließlich zusammen.
Fünf davon sind schon des öfteren aufgetreten, in Kirchgemeinden, in der „Runden Ecke“ usw. Nun ist wieder „Revolutionswoche“, so der Moderator, verweist auf den 9. Oktober 1989: Zeit zu erneutem Erinnern.

Zunächst erzählt Eva Edith Bachmann, heute glückliche Rentnerin mit eigenem Häuschen in Kriebitzsch. Anrührend zunächst die Schilderung der Flucht aus Schlesien, betrachtet aus der Sicht des ängstlichen kleinen Mädchens, das sie damals war. Später lernte sie Friseuse und heiratete. Dann kam 1989, und die alten Erinnerungen an Krieg und Vertreibung kehrten zurück. Sie hatte in ihrem Betrieb Zugang zu Kopiergeräten und druckte Flugblätter, denn sie wollte sich von der „Diktatur des Proletariats“ befreien.

„Ich würde wieder in der DDR bleiben“ bekennt der 72jährige Manfred Böttger, einstmals leitender Mitarbeiter in der Leipziger Wertpapierdruckerei. Seine schlimmsten Erlebnisse waren die Bombenangriffe 1943-45 sowie seine Entlassung 1992 durch einen jungen Mann , der aus München kam. Zwischendurch hatte er sich zwischen FDJ und der ihm Halt gebenden Paul-Gerhardt-Gemeinde ganz gut eingerichtet.

Recht bunt dagegen ist die Biografie von Michael Weichert (53), heute Stadtrat und Abgeordneter des Sächsischen Landtages (Bündnis 90/ Die Grünen). In Neuenbürg (Schwarzwald) geboren, musste er als Siebenjähriger in den Osten, da sein Vater eine Pfarrstelle an der Leipziger Taborkirche bekam. Da wurde in Berlin grade die Mauer gebaut, FDJler fuhren mit LKWs herum und knickten Westantennen ab, er selbst wurde wegen seiner Nietenhosen (heute Jeans) gemobbt. Oft fuhr er nach Prag (das taten viele ab Mitte der 60er), es war das „Paris des Ostens“, tolle Atmosphäre, all die Schallplatten, die es in der DDR nicht gab. Er traf sich dort mit Freunden aus der Jungen Gemeinde Stuttgart und Minden. M.W. war 1968 Fan von Che Guevara und Ho Chi Minh, las freiwillig Marx, hörte Beatles und Rolling Stones wie alle anderen auch. Dann lernte er Gasmonteur, versuchte sich im Theologiestudium, arbeitete dann an der Tanke und schließlich als Kellner.
Die Ausbürgerung von Wolf Biermann sieht er heute als Wendepunkt in seinem Leben.
Er schrieb ein Protestgedicht und schickte es per Telegramm an Erich Honecker. Sein Entschluss stand fest: Ich stelle jetzt keine Ausreiseanträge mehr (was er vorher regelmäßig getan hatte), ich bleibe hier. Hatte auch eine Freundin in der Gastronomie, das war damals das beste, was man haben konnte (natürlich gab es permanente Querelen mit der Stasi nach wie vor). Die beiden heirateten und betreiben erfolgreich die „Sternhöhe“, im Buch schreibt Weichert „bis zum heutigen Tag“. Bleibt da noch genug Zeit für all die Politik?

Die heute 60jährige Künstlerin Marlene Lipski fällt dem Betrachter zunächst durch schrill blau gefärbtes kurzes Haar auf, lebt seit 1971 in Wesel (NRW) und berichtet über abenteuerliche Fluchtversuche aus der DDR mit Schreckensinhaftierung in Burgas am Schwarzen Meer. Sie gesteht, nur an ihre eigene Existenz gedacht zu haben und sieht die „eigentlichen Helden HIER“. Ihr Vater war früher Pfarrer an der Versöhnungskirche in Gohlis, wurde von der Stasi bedroht. Sie selbst hat heute ein kleines Atelier in Gohlis, das sie gelegentlich mal aufsucht.

Den eigentlichen Reiz der Veranstaltung machte die letzte Erzählung aus, vielleicht auch die Art des Erzählens. Man mag die Geschichte des Christian Dertinger im Buch oder im Internet nachlesen. Wie er sie rüberbringt, berührt. Dass er Sohn des Generalsekretärs der CDU in Ostdeutschland und späteren ersten Außenministers der DDR ist, der wegen Streitigkeiten zwischen SED und CDU 1953 mit seiner Frau verhaftet wird, erfährt der Junge erst viele Jahre später. Der Achtjährige nimmt einfach nur wahr, was ein Kind wahrnimmt: Mama weg, Papa weg, die Geschwister? Selbst sein Hund ist nicht mehr da. Oma? Irgendein netter Onkel kümmert sich um ihn. Den 17. Juni 1953 verbindet er mit der Erinnerung an ein großes Gewitter, nach dem endlich Stille einkehrte. Schließlich die neuen „Eltern“ Tante Lieschen und Onkel Emil in Schönebeck, bei denen er sich geborgen fühlt, die ihren einzigen Sohn im Krieg verloren haben. Der Weg mit EOS und Studium ist schon vorgezeichnet. Er will in Moskau studieren. Da erfährt er, dass seine Mutter aus dem Gefängnis entlassen wurde und ihn zurück haben will. Ihm wird schlecht. Er packt das einfach nicht. Die neue, unbekannte Identität. Natürlich geht er zu Mutter, Vater, Oma und Geschwistern nach Annaberg, aber er leidet sehr, als seine Pflegemutter kurz darauf stirbt und Onkel Emil sich umbringt. Ende gut, alles gut: Er studiert in Halle Katholische Theologie, verliebt sich (was er nicht dürfte) in eine Zahnmedizinerin, sie heiraten und kriegen drei Kinder. Und sie wollen bleiben. Ausreisen wollten sie nie.

Die Zuhörer atmen auf. Die Lesung ist vorbei, alle verlassen den Raum, es gibt keine Diskussion.
Die Geschichte scheint geschrieben zu sein. Die Fragen werden verdrängt.



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Redaktion:
Bürgerverein Leutzsch BV Leutzsch