Blickpunkt Leutzsch - Impressionen

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Bei Pegasus auf dem Schulzenhof - Herr Wolfgang Anders spricht über Erwin Strittmatter
Die Bücher des großen Erzählers Erwin Strittmatter wie „Tinko“, „Ole Bienkopp“ oder „Pony Pedro“ haben wohl jeden von uns durch die Schulzeit oder das spätere Leben begleitet. Herr Wolfgang Anders hat seine spezielle Sicht auf die Dinge, denn er hat den Dichter persönlich kennen gelernt. 1973, als Student, besuchte er ihn und seine Familie auf dem Schulzenhof bei Dollgow zu dem Zweck, Strittmatters Pferde zu vermessen. Sogar auf dem Lieblingspferd Pegasus durfte er reiten, während Ehefrau Eva Kartoffelsalat mit Fischstäbchen zubereitete.

So beantwortet auch Herr Anders die Frage, wer Erwin Strittmatter eigentlich war, zunächst unkonventionell: ein Pferdeliebhaber mit allen Ecken und Kanten, solche Leute trifft man auch auf dem Leutzscher Pferdehof, eben ein eigener Menschenschlag.

Strittmatter, 1912 in Spremberg geboren, blieb sein Leben lang in der Landschaft der Niederlausitz und Brandenburgs verwurzelt. Mit Bedauern stellt Herr Anders fest, dass „Mr. Tagesthemen“, Ulrich Wickert, 1994 vom Tode eines „ostdeutschen“ Schriftstellers sprach. War er nicht mehr als das? Zumindest die spätere Verfilmung des Dreiteilers „Der Laden“ erreichte wohl eine breitere Öffentlichkeit. Sicher hat Strittmatter, der durch Brecht und Weigel gefördert wurde, vor allem in sehr feinfühliger Weise die Veränderungen in der Landwirtschaft seiner Heimat beschrieben, die LPG-Bildung mit allem Für und Wider, kritisch, aber ohne Vorverurteilung.

Herr Anders hat zu all dem eine besondere Beziehung, denn als Schüler der Helmholtz-EOS in Leipzig erlernte er bis zum Abitur 1966 einen landwirtschaftlichen Beruf (so wie Gregor Gysi eben Rinderzüchter lernte). So wartet Wolfgang Anders auch mit Geschichten über die Zeit der Rinderoffenställe und Renfts Lied vom Gänselieschen auf. Der Pferde- und Literaturfan stattete sogar dem Städtchen Pretzsch (heute Sachsen-Anhalt) einen Besuch ab, denn hier hatte Strittmatter in den dreißiger Jahren als Bäcker und Kellner gearbeitet, eine Dame im Schlosspark geliebt und die sehr schöne Erzählung „Die blaue Nachtigall“ geschrieben.

Kurzum, ein informationsreicher, sehr persönlicher und unterhaltsamer Vortrag. Bliebe nur noch eine Kleinigkeit anzufügen: Erwin Strittmatters viel jüngere Frau Eva konnte wesentlich mehr als Kartoffelsalat machen und den Mann und die vier Söhne versorgen. Ihr Durchbruch kam spät, aber dafür umso nachhaltiger. Im jenem bunten Sommer ´73, als Herr Anders in Dollgow weilte, erschien Evas erster Lyrikband „Ich mach ein Lied aus Stille“. Innerhalb weniger Monate wuchs der damals 43jährigen eine riesige Fangemeinde zu, meist Frauen aller Altersgruppen, aber auch sensible Männer. „Gedichte wie Musik“, urteilten Kritiker. Band auf Band erschien und wurde zum Bestseller. Wann hatte man zuletzt in einem Gedicht einfach nur den Klang der Stille gespürt, Pflanzen geradezu erblühen sehen, jenseits von Agitation und Propaganda-Versen? Die Dichterin schildert auch in entwaffnender Ehrlichkeit die große Liebe wie die Bitterkeit und Last der schwierigen Beziehung zu ihrem Mann. Sie, die mit Mitte 40 voller unglaublicher Hoffnung verkündete: „Noch hab ich nicht begonnen...“ lebt bis heute auf dem Schulzenhof, schreibt, sorgt für die Pferde und verwaltet das Vermächtnis von Erwin Strittmatter.


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Redaktion:
Bürgerverein Leutzsch BV Leutzsch