st: 2/2 Vom Widerstand der Jugend - Leipzig Leutzsch - Blickpunkt Leutzsch - Neuigkeiten und Interessantes aus dem Stadtteil Leutzsch in Leipzig - Eine Initiative des Bürgerverein Leutzsch

Blickpunkt Leutzsch - Impressionen

Neuigkeiten

Vom Widerstand der Jugend

Bildinhalt: Szene aus
Szene aus "Teenage Widerstand" / Foto: Tom Schulze, Theater der Jungen Welt
Sie sind jung, wild, laut und mutig! Das müssen die 15 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren bei dem Thema auch sein, das sie seit dem 2. März 2019 auf der großen Bühne des Theaters der jungen Welt im Nachbarstadtteil verhandeln. Zum ersten Mal steht damit ein Stück eines Theaterjugendclubs mit Laienschauspielern im regulären Spielplan.

„Teenage Widerstand“ heißt ihr Stück über das Phänomen jugendlicher Protestbewegungen für das sie im vergangenen September mit den Proben begonnen haben. Die Aufführung weiß abwechslungsreich zu unterhalten und regt zum Nachdenken an. Es geht um Widerstand und Aufbegehren auf unterschiedlichen Ebenen, gegen Eltern, Staat, Politik, Bevormundung, gegen Nazis und andere Radikale. Es wird rebelliert und geschrien, gestampft und die Faust nach oben gereckt. Große Gesten für ein großes Thema, das von Caroline Mährlein auf die Bühne gebracht wird.

Junge Widerständler von heute wie Klimaschützerin Greta Thunberg und Plastikbekämpfer Boyan Slat haben ebenso ihren Platz im Stück wie die fast vergessenen oder eher vor einigen Jahren erst wieder ins Gedächtnis gerufenen Leipziger Meuten. Das waren Jugendgruppen, die sich dem NS-Regime nebst seinen Auswüchsen wie der Hitler-Jugend teilweise bis zum Ende der 1930er Jahre aktiv widersetzten. Andere wollten einfach nur ihren Spaß in einem Land, in dem es sonst nicht viel zu Lachen gab, und machten sich mit ihrer Unangepasstheit mächtige Feinde. Dennoch werden sie vergeblich in den Schulgeschichtsbüchern gesucht.

Die jungen Darstellerinnen und Darsteller tragen graue Hemden, kurze Hosen, Kniestrümpfe und Chucks, erinnern damit, bis auf die Schuhe, durchaus an die bündisch gekleideten Meutenmitglieder (Kostüme und Bühne: Elena Köhler). Anfangs chillen sie auf dem Boden, lassen sie sich vom Fernsehen ohne Bild berieseln, blicken in kurzen Pausen immer herausfordernd ins Publikum. Dann beginnen sie sich zu erheben, breiten sich über die Bühne aus und verfallen in jugendliche individuelle Posen, gamen hier ein bisschen, machen dort ein paar Selfies und schnipsen immer wieder meldend die Finger in die Luft. Die Jugend will Aufmerksamkeit.

Eh man sich‘s versieht, hat sich der Individualismus zugunsten einer marschierenden Gruppe verabschiedet. Jeder will mit, aber nicht jede darf. Ein Mädchen wird bewusst ausgeschlossen und flüchtet sich auf ein mit Kunstrasen unterlegtes Plätzchen am vorderen Bühnenrand. Dort steht auch ein Mikrofon, von dem im Laufe des Stücks immer wieder Gebrauch gemacht wird. Dort äußern sich die Jugendlichen zu ihren Zielen, Werten und Wünschen, lassen das Publikum teilhaben an ihrem Innenleben.

Das Stück lebt von durchchoreografierten Szenen, Protestausbrüchen, Musik-Battles, Stampf-Klatsch-Tanzeinlagen (Choreografie Joy Alperto Ritter, Lukas Steltner) und viel Lärm, der vor allem auf anstrengende Soundcollagen zurückzuführen ist (Musik: Cornelia Friederike Müller). Da ist das am Akkordeon präsentierte Wutbürger-Lied noch mit am melodischsten. Aber Widerstand muss ja nicht schön klingen.

Große graue Bühnenelemente wie Treppen, Blöcke und Wände sind verschiebbar, dienen mal als Laufsteg, mal als Mauer oder Rückzugsraum. Die Jugendlichen suchen verschiedene Kanäle um ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Da kommen der Stinkefinger zeigende Wutwirsing, die halbe Protestpaprika und die Trotztomaten, die während einer Kochshow alle im Widerstandsauflauf verarbeitet werden gerade recht. Aber auch realitätsnahe Protestformen wie das Taggen oder Stickern von Wänden sind in der Inszenierung zu finden.

In kleinen Monologen und ruhigeren Szenen berichten die Jugendlichen von Demoerfahrungen in Chemnitz oder dem Wunsch in Deutschland frei und sicher leben zu können. Manchmal geht Widerstand auch leise vonstatten, in einer Taschenlampensequenz mit Zweisamkeit, die auf Unverständnis bei Eltern stößt. „Liebe muss man nicht erklären“, stellt eine der Protagonistinnen der Szene fest.

In einer großen Schlussszene darf jede und jeder noch einmal ein Statement abgeben, für mehr Menschlichkeit, um Teil einer Jugendbewegung sein, für aufrichtiges politisches Handeln, gegen Mitläufertum und für mehr Konfrontation. Das Publikum merkt, da sind junge Menschen, die wissen, dass sich etwas ändern muss und die etwas verändern wollen. Ob sie das mit dem Stück können, die Frage haben sie sich selbst schon gestellt. Auf jeden Fall kommt es auch in der sehr gut besuchten zweiten Vorstellung an und inspiriert auch Erwachsene. „Total schön ey, da will man gleich auf ne Demo gehen“, fasst eine Zuschauerin bereits beim Schlussapplaus ihre Emotionen zusammen.

Nächste Vorstellungen im Theater der Jungen Welt sind am 06. 03. und 07. 03. um 10:00 Uhr sowie am 09. 03. um 19:30 Uhr und am 07. 04. 2019 um 18:00 Uhr


Zurück

Nachricht vom 05.03.2019. Autor: Enrico Engelhardt, Mitglied BVL
> AKTUELLER
> BLICKPUNKT
 
Redaktion:
Bürgerverein Leutzsch BV Leutzsch